Laal? Saphed? Rot? Weiß? – Logische Phantasien

4. März 2019

Der Künstler Tim Otto Roth bereitet mit Teppichknüpfern in Indien ein ganz besonders Ausstellungsstück für die Kunsthalle Jesuitenkirche vor


Die Ausstellung eröffnet gleichzeitig mit dem Christian Schad Museum
am 28. Juni 2019 (Laufzeit bis 29. September 2019)

- ein Gastbeitrag von Miriam Seidler

5. März 2019

Tim Otto Roth erklärt das mathematische Prinzip des zellulären Automaten gerne mit einem Verkehrsstau. Jedes Fahrzeug oder jeder Pixel schaut auf seinen rechten und linken Nachbarn und reagiert – nach unterschiedlichen im Voraus festgesetzten Regeln – auf deren Aktivität.

Lassen sich westliche Verkehrsflüsse mit diesem Prinzip erläutern, so scheint es im nordindischen Varanasi schwer vorstellbar, dass sich im Verkehr eine irgendwie geartete Regelhaftigkeit erkennen lässt. Der Fahrer des Wagens, auf dessen Rückbank der deutsche Künstler sitzt, versucht sich rechts und links an den vor ihm fahrenden Autos vorbei zu drängeln. Jede noch so enge Lücke wird genutzt. Begleitet wird die Fahrt von einem nicht endenden Hupkonzert. Jeder Fahrer versucht sein Recht auf Vorwärtskommen auch akustisch zu untermalen. Chaos pur.

Erst als der Wagen auf die kleine Straße zum Dorf der Weber abbiegt, wird es ruhiger. Schülerinnen und Schüler sind am frühen Morgen auf dem Weg zur Schule und werden mit der Hupe darauf hingewiesen, dass es besser ist, zur Seite zu gehen. Die Gassen werden enger. Ein typisch indisches Bettgestell, das den Weg versperrt, muss zur Seite geräumt werden, dann hält der Wagen vor einem kleinen Haus.

Herrscht draußen aufgrund der angebundenen Kühe und Ziegen eine ländliche Atmosphäre, so überwiegt im Inneren Betriebsamkeit. Die Teppichknüpfer sind eingetroffen und begeben sich zu ihren Arbeitsplätzen. Im Raum verteilt befinden sich vier verschieden große Rahmen, an denen lange, beige Wollfäden gespannt sind. Das Grundgerüst der hier in Handarbeit entstehenden Teppiche. Wird an drei der vier Teppiche nach einem Muster gearbeitet, das aufgerollt vor dem jeweiligen Rahmen hängt, so kommt ein entstehender Teppich ohne Muster aus.

Die roten (laal) und weißen (saphed) Knoten ergeben ein Muster aus kleineren und größeren Dreiecken. Hier knüpfen die Männer für Tim Otto Roth. Die Regel, die sie befolgen sollen, hat er ihnen am Tag zuvor gemeinsam mit dem Teppichhersteller und Auftraggeber der Knüpfer Bholanath Baranwal beigebracht. Mithilfe des beliebten Spiels „Vier gewinnt“ erprobten sie die einfachen Regeln: Nur wenn in der vorigen Generation eine Mami und ein Papi rechts und links von dem neu zu knüpfenden Knoten stehen, dann wird in der nächsten Generation ein Papi geknüpft. Als Papis werden die roten, als Mamis die weißen Fäden bezeichnet.

Das Beispiel zeigt es bereits: Für die wenig gebildeten Teppichknüpfer ist die Zusammenarbeit mit dem deutschen Künstler eine Herausforderung. Normalerweise wird von ihnen nicht erwartet, dass sie über das Nachdenken, was sie tun. Im Lauf des Tages stellt sich heraus, dass das Papi-Mami-Modell doch nicht eingängig genug ist, um während der Arbeit die richtigen Regeln anzuwenden und so memorieren die Männer während des Knüpfens, die Regeln, die sie anwenden: laal + laal = saphed, laal + saphed = laal, saphed + laal = laal, saphed + saphed = saphed. Ist eine Zeile fertig, lassen sie sich geduldig von Tim Otto Roth korrigieren, der immer wieder lobt – „sahee – richtig“ – aber auch den ein oder anderen Fehler findet.

Die Zusammenarbeit funktioniert hervorragend. Am Abend ist das Muster wieder um einige Zentimeter angewachsen. Der Chef ist zufrieden. Die Arbeiter hoffentlich auch. Normalerweise werden sie nach Quadratmetern bezahlt, doch da Denken Zeit kostet, geht die Arbeit nicht so schnell von der Hand wie bei einem vorgegebenen Muster. Als Tim Otto Roth am Abend in den Wagen steigt – zurück nach Varanasi, der ältesten Stadt Indiens – ist er zuversichtlich: „Die Arbeit geht sehr gut voran. Die ausgewählte Regel ist sehr robust und verzeiht den einen oder anderen Fehler, den die Knüpfer in unserer Abwesenheit sicher machen werden.“

Im Rahmen der Ausstellung „Logische Phantasien“ wird der MaSo-Carpet ab dem 28. Juni in der Kunsthalle Jesuitenkirche in Aschaffenburg zu bewundern sein. Dann sind es die Besucher, die prüfen können, ob die Regeln eingehalten wurden. Noch klingt es durch das indische Dorf: laal + saphed = laal, saphed + laal = laal, saphed + saphed = saphed, laal + saphed = laal, laal + laal = saphed, saphed + laal = laal…

Weitere Eindrücke der Indienreise mit außergewöhnlicher Mission des Künstlers Tim Otto Roth im folgenden Video:


Mehr Informationen zu Idee und Konzept auf der >>Projektseite des Künstlers.

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Was gibt es hier zu lesen?

Wer ist Christian Schad? Warum gibt es das Christian Schad Museum in Aschaffenburg? Wo wird das Museum gebaut? Was wird dort ausgestellt? Wie wird es aussehen?

Viele Fragen tauchen auf, wenn ein neues Museum entsteht. Die Antworten darauf geben wir von den Museen der Stadt Aschaffenburg und bieten gleichzeitig einen Blick hinter die Kulissen.

Wer schreibt?

Hier schreibt, wenn nicht anders angegeben, die Verantwortliche für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Museen der Stadt Aschaffenburg. Ab Oktober 2018 ist es Natalie Ungar M.A, zuvor war es Anne Kraft M.A.

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