Experiment Schadographie

20. Januar 2016

Eine außergewöhnliche Kunststunde stand für die Zehntklässler des Hanns-Seidel-Gymnasiums Hösbach auf dem Stundenplan. Der Kunstlehrer Bernd Dörig hatte in Kooperation mit den Museen der Stadt Aschaffenburg im Zunftsaal von Schloss Johannisburg eine Künstlerwerkstatt vorbereitet. Ähnlich wie Christian Schad vor knapp hundert Jahren durften die Schüler mit lichtempfindlichem Papier und unterschiedlichsten Objekten experimentieren, um am Ende eigene Fotogramme in den Händen zu halten.

Ines Otschik von den Museen der Stadt Aschaffenburg führte die Klasse in das Thema ein. Als Museumsfotografin beschäftigt sie sich seit Jahren mit dem fotografischen Werk von Christian Schad und erklärt: „Das Fotogramm ist eine kameralose Technik. Es werden Objekte auf lichtempfindlichem Papier arrangiert und einer Lichtquelle ausgesetzt. Das Ergebnis ist einzigartig und nicht wiederholbar, da kein Negativ erstellt wird.“ Der erste, der sich mit dieser Technik rein künstlerisch auseinandergesetzt hat, war Christian Schad. Seine 1919 erstellten Fotogramme wurden nach ihm „Schadographien“ benannt.

Wie in Schads Atelier lagen Scheren, Plastikfolien, Metallringe, Netze, Muscheln und weitere kleine Objekte auf den Tischen bereit, daneben Passepartouts mit ausgefallenen Ausschnitten. Die Schüler durften die Informationen direkt praktisch umsetzen und selbst zu Künstlern werden. Bei der Erstellung der eigenen Fotogramme nutzten sie die Beleuchtungszeit von zehn Minuten auch, um Objekte zu verschieben oder zu entfernen und somit wie ihr Vorbild Bewegungsunschärfe zu erzeugen. Zwar ging die Klasse methodisch wie Christian Schad vor, allerdings nutzte sie zur Belichtung Cyanotypie-Papier, was im Ergebnis einen deutlichen Unterschied zu den Schadographien zeigte: Die neuen Fotogramme leuchten blau, während bei Schads Arbeiten Schwarz und Grau vorherrschen.

Bernd Dörig war von den Ergebnissen seiner Schüler begeistert: „Die Gruppen haben es geschafft, mit den Objekten eine andere Wirklichkeit zu erzeugen – ganz im Sinne der Schadographien!“ Eine Schülerin war sich trotz des Vorbilds Christian Schad der Einzigartigkeit ihrer Werke bewusst: „Wir haben Originale geschaffen und nicht bloß Kopien von Christian Schad, denn wir haben etwas neues gemacht, so wie wir es wollten.“

Der Workshop mit dem Hanns-Seidel-Gymnasium war gleichzeitig ein Probelauf, denn ähnliche praxisorientierte Vermittlungsangebote soll es im zukünftigen Christian Schad Museum geben. Die Stadt Aschaffenburg kommt damit auch ihrem Ziel näher, dass die Werke von Christian Schad, ganz besonders die weltberühmten Schadographien, nicht nur betrachtet, sondern auch gelehrt und gelernt werden können.

Hintergrund: Pionierleistung „Schadographie“

Christian Schad (1894-1982)  zählt in seinem Frühwerk zu den Pionieren auf dem Weg zur künstlerischen Abstraktion. Die „Schadographie“ oder „Fotografie ohne Kamera“ (Fotogramm) entwickelte er unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg: auf lichtempfindliches Papier wurden Gegenstände arrangiert und natürlich belichtet. Es entstanden aus Licht und Schatten geschaffene Bildwerke in bewusster Abkehr von der Gegenständlichkeit im Rahmen der sozialen und politischen Utopie der Dada-Bewegung, der Schad in Zürich angehörte. Weltbekannte Museen besitzen heute eine dieser frühen Arbeiten: Das Christian Schad Museum in Aschaffenburg kann sich seit der Erwerbung der Schadographie Nr. 11 nun in eine Reihe stellen mit dem Museum of Modern Art in New York, dem Getty Center in Los Angeles, dem Centre Georges Pompidou in Paris oder dem Kunsthaus Zürich.

 

 

Titelbild: Wie der Künstler selbst signieren die Schüler des Hanns-Seidel-Gymnasiusms Hösbach ihre Werke. Foto: Ines Otschik, Museen der Stadt Aschaffenburg

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Was gibt es hier zu lesen?

Wer ist Christian Schad? Warum gibt es das Christian Schad Museum in Aschaffenburg? Wo wird das Museum gebaut? Was wird dort ausgestellt? Wie wird es aussehen?

Viele Fragen tauchen auf, wenn ein neues Museum entsteht. Die Antworten darauf geben wir von den Museen der Stadt Aschaffenburg und bieten gleichzeitig einen Blick hinter die Kulissen.

Wer schreibt?

Hier schreibt, wenn nicht anders angegeben, Anne Kraft. Sie ist verantwortlich für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Museen der Stadt Aschaffenburg. Kontakt Anne Kraft

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